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Editorial
Denken schadet nichtDie Neurologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf wird in diesem Jahr 90 Jahre alt. Hamburg (im damaligen Allgemeinen Krankenhaus Eppendorf) und Heidelberg richteten 1919 die ersten beiden Lehrstühle für Neurologie in Deutschland ein. Somit wird klar, welche große Bedeutung die Neurologie an diesen Standorten besitzt. Es vergingen allerdings 40 Jahre, bis der Neurologe Janzen 1959 nahezu zeitgleich mit der Neurochirurgie (Kautzky) ein Ordinariat für Neuroradiologie (Tänzer) in Hamburg gründete. Die Neuroradiologie beschränkte sich seinerzeit mit ihren technischen Möglichkeiten weitgehend noch auf die Bestätigung dessen, was der Kliniker durch Anamnese und Untersuchung herausgefunden hatte. Der habilitierte Neurologe und Facharzt für Radiologie Hermann Zeumer konnte in der Weiterentwicklung dieses Umfeldes auf einen erheblichen klinischneurologischen Erfahrungsschatz vertrauen, was ihm großes Ansehen verschaffte und die Neuroradiologie als klinisches Fach mit begründete. Nach dem Tode von Tänzer im Jahre 1981 und einem Interregnum von Traupe bis 1987 hat Hermann Zeumer am 03.05.1987 den Dienst zunächst als Abteilungsdirektor der Neuroradiologie angetreten, die seinerzeit noch organisatorisch in die Neurologische Klinik eingebettet war. Es wurde ihm allerdings rasch klar, dass einer „strategischen Partnerschaft“ mit der Radiologie aus vielen Gründen der Vorzug zu geben ist, die einem klinisch orientierten Fach die Freiheit gewährt, die sie braucht, um aus einer Position der Unabhängigkeit und Stärke heraus für den Kliniker und damit natürlich vorrangig den Patienten da zu sein. Am 31.03.2009 wird die aktive Zeit von Hermann Zeumer im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf enden, deren Neuroradiologische Abteilung und später Klinik und Poliklinik für Neuroradiologie er seit 22 Jahren als Direktor leitet. Dabei erwies er sich immer als ein „starker Chef“, der seinen Mitarbeitern immer und überall uneingeschränkte Rückendeckung bot, sofern in ihrem Tun zielgerichtetes Denken erkennbar war. Im Umkehrschluss leitete sich daraus für uns die Pflicht ab, das begründen zu können, was man verantwortlich tat. Hermann Zeumer ist zu jeder Zeit ein erklärter Feind unklarer Formulierungen und fehlender Festlegungen gewesen, was auf unsere klinischen Partner sehr wohltuend wirkte. Dabei kam ihm sicherlich der Umstand zugute, dass er als habilitierter Neurologe (Schüler von Poeck in Aachen) und Facharzt für Radiologie klinisches Wissen mit radiologischem Unter- oder Überbau – wie man es sehen möchte – einbringen konnte und so ein angesehenes Bindeglied zwischen den einander näher rückenden Disziplinen wurde. Seine Nähe zur Klinik hat auch viele patientenbezogene Erkenntnisse geprägt, deren wichtigste hier wiedergegeben werden soll: „Als Erstes gilt: Jeder Patient hat Angst, sein Umfeld hat Angst, und zu dem gehören auch ärztliche Kollegen!“ Daraus erwächst eine Haltung, die besonders auch in der von ihm sehr umfangreich betriebenen Konsiliartätigkeit zu berechtigter Beruhigung von um Rat fragendem Patienten und Arzt führte, was im Zeitalter der von ihm konstatierten „Durchseuchung der Bevölkerung mit bildgebender Diagnostik“ und entsprechenden Häufigkeit inzidenteller Befunde und auch von Normvarianten von unschätzbarem Wert für die betroffenen Seelen, aber auch für die Kassen ist! In diesem Zusammenhang kommt uns ein markiger Spruch von Hermann Zeumer in Erinnerung, der unzureichend weitergebildete Ärzte als den größten Unkostenfaktor im Gesundheitswesen bezeichnete. Diese Art von Medizin wird von ihm als „Reflexmedizin“ gegeißelt – sie ist nicht von Fachwissen, sondern reflektorischen Überleitungen bestimmt („wenn einer nicht gehen kann, müssen die Beine geröntgt werden“). Sein tiefes Verständnis medizinischer Zusammenhänge wie auch sein analytisches Bedürfnis konnten aber auch verletzend wirken für denjenigen, der beratungsresistent immer wieder unselige Redundanzen bewirkte und die gleichsam in unsere Hände gelegte fachspezifische Diagnostik als Anxiolytikum für sich selbst missverstand. Diese Überlegungen sind in Zeiten wirtschaftlicher Zwänge bemerkenswert, machen sie doch klar, dass Einsparungen an qualifiziertem Personal nur vordergründig positiv wirken können. Hermann Zeumer lebt uns eine Art intellektuellen Pragmatismus vor, worunter das große Bedürfnis nach Reduktion der Dinge auf das Wesentliche unter Anwendung des Verstandes zu verstehen ist. Dies ist für einen Lehrer sowohl gegenüber seinen Studenten als auch ärztlichen und nichtärztlichen Mitarbeitern eine große Fähigkeit, die zu strukturiertem Denken und Handeln zwingt. Hermann Zeumer darf mit Fug und Recht als einer der großen Begründer und Fortentwickler der interventionellen Techniken in der Neuroradiologie angesehen werden, die sich im medizinischen Betrieb vergleichsweise schnell etablieren konnten. Diese Techniken erweiterten nicht nur das Spektrum interventionell behandelbarer neurovaskulärer Erkrankungen, sondern entwickelten sich mehr und mehr zur Konkurrenz der etablierten neurochirurgischen Techniken. Der Erfolg dieser Verfahren hat die Neuroradiologie an vielen Orten zu einem operativen Fach gemacht, was das Berufsbild des Neuroradiologen erheblich veränderte. Dabei war es Hermann Zeumer immer ein Anliegen, Regeln zu haben, die allerdings nicht blind umzusetzen waren, sondern im begründeten Einzelfall auch außer Acht gelassen werden konnten. Obwohl er den großen Namen und die langjährige Erfahrung auf seiner Seite hatte, hat er sich nie als Kapazität verstanden, deren Therapien aufgrund seiner unbestrittenen Autorität gut und richtig waren. Im Gegenteil: Es wurde immer großer Wert darauf gelegt, den Nutzen der interventionellen Therapien mit wissenschaftlichen Mitteln ständig zu hinterfragen und zu überprüfen – und das möglichst unabhängig. Nur der distanzierte Umgang mit den eigenen Ergebnissen verschafft der Neuroradiologie langfristig die Akzeptanz, die sie beim Kliniker benötigt, um weiterhin eigenständig und bedeutsam zu sein. Die Notwendigkeit einer zentralen Registrierung der Ergebnisse unserer interventionellen Therapien hat Hermann Zeumer lange vorausgesehen und die strukturellen Vorbereitungen hierfür mit der ihm eigenen Dynamik betrieben. Zurück zum Titel: Wir – seine Schüler, Patienten und Kollegen innerhalb und außerhalb des Klinikums – danken Hermann Zeumer für seine unermüdlichen Denkanstöße, seinen klaren, analytischen Verstand, sein Bedürfnis, Erfahrung und Wissen zu teilen und Hilfe in den Nöten klinischen Alltags zu geben. Sein fundierter, kritischer Rationalismus wird unser Denken und Handeln auch über den 31.03.2009 hinaus bestimmen. Ulrich Grzyska, Jens Fiehler, Hamburg |
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