|
|
|
|
|
|
Editorial
Jargon in der RadiologieDie gute Nachricht zuerst: Nicht alle radiologischen Befunde sind schlecht. Es gibt welche, die von den Zuweisern gelesen und für die Diagnose und Therapieplanung als nützlich empfunden werden, weil sie verständlich und knapp geschrieben sind, zeitgerecht eintreffen oder präzise vorgetragen werden. Professor Klaus Sartor, dem dieses Heft zu seinem Abschied vom Lehrstuhl in Heidelberg gewidmet ist, ist ein begabter Stilist in Deutsch und Englisch und ein kritischer Leser der Befunde und wissenschaftlichen Arbeiten seiner Mitarbeiter gewesen. Unter seinem Einfluss war vieles in der Heidelberger Neuroradiologieschule verpönt, was man heute noch täglich in radiologischen Befunden lesen muss. Da sich radiologisches Können überwiegend durch Sprache vermittelt, sind der radiologische Befund und der radiologische Vortrag in klinischen Konferenzen es wert, kritisch beleuchtet zu werden.Traurige Kennzeichen vieler radiologischer Befunde sind falsche Grammatik, ungenaue und geschraubte Bezeichnungen und Wendungen, hinter denen Fachkompetenz und Verantwortung vollständig verschwinden. Wer kennt nicht „kein Hinweis für einen Tumor“, wenn der Befund gerade auf einen Tumor hinweist und der Hinweis für den Zuweiser ist. Da ist die Rede von „Geschehen“ – gern „Tumorgeschehen“, wenn nicht gar „tumoröser Raumforderung“ –, „Kopfschmerzereignis“ oder „Sturzereignis“, „Ergussverschattung“, „durchgeführter“ Untersuchung und „angefertigten“ Voraufnahmen (welche sonst?), „die“ Pons (pons, pontis m.), „berandeter Wandung“ und sehr gern von „Bereichen“. Da wird die Radiusfraktur in den „Bereich der oberen Extremität“ verlegt, oder es findet sich „kein Hinweis für einen Tumor im Bereich der rechten Hemisphäre“. In der Beurteilung schwammig beschriebener Befunde kommt man dann „am ehesten“ zu einer Diagnose, die „vereinbar“ ist mit dem, was der Zuweiser eh schon angenommen hat. Leider hat diese Nachlässigkeit im sprachlichen Ausdruck Methode. Die Flucht in den Jargon kennzeichnet den Anfänger, der lieber Floskeln aus anderen Befunden übernimmt als sich mit Anatomie und Pathologie auseinanderzusetzen, um eine eigene Stellungnahme zu begründen. Leider werden unsere Anfänger nur noch selten ausreichend eingewiesen und damit einer Radiologie gerecht, die immer organ- und krankheitsspezifischer geworden ist. Sie sehen leider auch, dass man als Radiologe oder Radiologin sehr gut seinen Lebensunterhalt verdienen kann, indem man den Konjunktiv benutzt und jede Verbindlichkeit in der Befundbeschreibung und der Diagnose vermeidet. Klaus Sartor hat schon früh die wichtige Rolle des Radiologen als Pathologe des noch lebenden und zu heilenden Menschen erkannt und vorgelebt. In Zeiten, in denen die Diagnose mit Magnetresonanztomographie der histologischen Diagnose kaum nachsteht, ist es dringlich, sich den neuen Anforderungen an die Radiologie zu stellen, d.h. zunächst einmal die Befunde mit einer klaren Sprache zu beschreiben und weitgehend unabhängig von den klinischen Angaben eine Differentialdiagnose vorzulegen. Nur so wird klinische Medizin in der Zukunft ohne Radiologie undenkbar sein. Rüdiger von Kummer, Dresden |
||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
© 2010 Urban & Vogel Verlag |
|
| Online-Impressum |