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Pathologische Lügner und präfrontale weiße Substanz – Phrenologie mit neuen Methoden?

Yang Y, Raine A, Lencz T, et al. Prefrontal white matter in pathological liars.
Br J Psychiatry 2005;187:320–5

Hintergrund

Bei Personen, die lügen, wurde eine Zunahme der bilateralen Aktivierung des präfrontalen Kortex berichtet. Ergänzend dazu werden strukturelle Untersuchungen der grauen und weißen Substanz vorgenommen.

Methodik

Mit struktureller MRT untersucht wurden 12 Personen (11 männlich, 33% Weiße, Altersdurchschnitt 36 Jahre), die nach der Psychopathologie Checkliste [1], nach DSM-IV [2] oder nach den Kriterien für „Simulation oder Erzählung von Lügen zur Erzielung eines Vorteils“ als „chronische Lügner“ einzustufen waren. Verglichen wurden diese mit normalen Kontrollen (KG; 66% Weiße!) und antisozialen Kontrollen ohne pathologisches Lügen (AG; 31% Weiße), die gegenüber der Indexgruppe in Alter und Geschlecht nicht signifikant unterschiedlich waren. Unterschiede bestanden im Intelligenz quotient mit 107 vs. 94 vs. 101 für KG, AG bzw. Indexpatienten. Psychopathologische Scores unterschieden signifikant die KG von den AG und den Lügnern, nicht aber die AG von den Lügnern. Der Missbrauch und die Abhängigkeits-Scores für Drogen und Alkohol waren in den Gruppen unterschiedlich, erreichten aber kein Signifikanzniveau. Ausschlusskriterien bezogen sich auf Alter, Sprachkenntnisse, medizinische und untersuchungstechnische Kontraindikationen und einen Fall einer vorbestehenden fokalen Hirnatrophie.

Untersucht wurde mit einem 1,5-T-Gerät mit T1w-Sequenzen transversal und koronal. Die Segmentierung von grauer und weißer Substanz bzw. der Liquorformation erfolgte semiautomatisch für beide Hemisphären. Die Präfrontalregion wurde definiert als Region bis zum Genu corporis callosi; das Gesamthirnvolumen wurde mit „all cerebral cortex, excluding the ventricles, pons and cerebellum“ beschrieben. Die Interraterreliabilität wurde mit einem ICC zwischen 0,93 und 0,99 für die einzelnen Kompartimente angegeben.

Ergebnisse

Die Ergebnisse wiesen für Lügner ein signifikant größeres Volumen der präfrontalen weißen Substanz auf, das sich gegenüber der AG und der KG signifikant unterscheidet. Die absoluten und relativen Abweichungen werden mit einem Plus von 13,3 cm3 (25,7%) resp. 11,8 cm3 (22,2%) gegenüber den beiden Gruppen angegeben. Die Rindenformation wies global und präfrontal eine nicht signifikante Minderung sowohl gegenüber der KG als auch der AG auf, die sich beide in diesem Parameter nicht signifikant unterscheiden.

In der multiplen Varianzanalyse der Ratio von grauer/weißer Substanz bestand ein signifikanter Gruppeneffekt mit der geringsten Ratio für die Gruppe der Lügner (mean = 1,15) mit einer Minderung von 35,7% (mean = 1,56) gegenüber der AG resp. 41,7% gegenüber der KG (mean = 1,63). Mit Bezug auf das Gesamthirnvolumen zeigte die Varianzanalyse keinen signifikanten Gruppen- oder Hemisphäreneffekt, aber eine signifikante Interaktion von Gruppe und Grau-Weiß-Ratio. In der Ratio von präfrontaler weißer Substanz/Gesamthirn unterschied sich die Gruppe der Lügner mit mean = 0,069 signifikant von der der AG (mean = 0,054) und den KG (mean = 0,054).

Die Ergebnisse wurden gegenüber den Einflüssen von Alter, ethnischer Zugehörigkeit und anderen soziodemographisch-psychopathologischen Variablen geprüft.

Zusammengefasst erklärte die Gruppenzugehörigkeit zu 28% die Varianz für den Unterschied im Volumen der weißen Substanz. Abschließend wurden die Untersuchungsergebnisse verglichen mit denen für Kinder mit Autismus und Simulanten. Die Gruppe der Autisten wies gegenüber den Lügnern ein inverses Ergebnis auf für die gemessenen und abgeleiteten Parameter; die Gruppe der Simulanten zeigte bei Analyse der Ergebnisse als Teilpopulation der untersuchten Gruppe geringe Differenzen für die Absolutwerte und Ratios bei insgesamt gleichsinnigem Verhalten zur Gruppe der Lügner.

Im Zusammenhang mit dem (hier angenommenen) höheren verbalen IQ und vermehrter weißer Substanz wird die Hypothese einer Entwicklungsstörung in einer kritischen Zeit der kindlichen Entwicklung postuliert, aber nicht weiter vertieft.


Kommentar

Der Artikel stammt aus der Feder von Psychologen, die Untersuchung selbst dürfte von dem einzigen Radiologen durchgeführt worden sein. Die Methodik ist zumindest in der Beschreibung lückenhaft und bedarf der Ergänzung bezüglich der Definition der untersuchten Präfrontalregion. Allein der Bezug auf das Corpus callosum ist ohne Winkelangabe gegenüber einer Struktur oder Ebene nicht ausreichend. Ein Lapsus ist es, bei Volumetrie des Gesamthirns die weiße Substanz nicht zu erwähnen. Problematischer ist es, im Zusammenhang mit der Intraclasskorrelation nicht die Zahl der Observer und deren Stellung im Projekt zu benennen. Das in der Diskussion benutzte Argument des höheren verbalen IQ mit der weißen Substanz bei Lügnern ist so nicht richtig. Richtig ist, dass der verbale IQ der Lügner höher ist als für die AG, mit 101 aber geringer als für die KG mit 107.

Zu den Ergebnissen stellt sich die Frage nach deren Spezifität und Bedeutung. Dieser Aspekt wird in einem Kommentar auf Einladung im gleichen Heft durch den Psychiater Spence diskutiert [3]. Referiert werden die komplexen Prozesse der Hirnentwicklung in den ersten zwei Jahren mit Auswirkung auf Verhalten, neuropsychologische Funktionen, Antrieb bzw. Steuerung von abhängigen Hirnfunktionen bei entwicklungsbedingten Störungen des Frontalhirns. Hingewiesen wird auf die Koinzidenz von Veränderungen im Frontallappen und psychischen Krankheiten wie Schizophrenie oder Sucht- und abhängiges Verhalten, Konzentrationshyperaktivitätsstörung und zyklische Psychosen. Damit ist ein breites Spektrum psychischer Funktionsstörungen eingeschlossen, denen weitere neuropsychiatrische Erkrankungen, wie z.B. die Neurofibromatose, hinzuzufügen sind. Diskutiert werden Befunde in Tierexperimenten und deren Bedeutung für die Artenentwicklung. Letztlich wird die Frage gestellt, welche Bedeutung ein „Mehr an weißer Substanz in der Präfrontalregion“ habe: besser oder schlechter? Üblicherweise wird ein Mehr an Gehirn als Selektionsvorteil, ein Mehr an kognitiven Ressourcen oder als Vorteil für die Verarbeitung von Information gesehen. Hier aber werden die Ergebnisse diskutiert als Prädisposition zum pathologischen Lügen. Dabei bemängelt Spence die unscharfe Abgrenzung von „normaler“, d.h. alltäglicher, von der „pathologischen Lüge“, aber auch gegenüber dem Münchhausen-Syndrom. So wird eine neu definierte Entität zum Gegenstand der Untersuchung gemacht, die sich aus keiner der vorliegenden Klassifikationen ableiten und mit vorliegenden Befunden vergleichen lässt.

Soweit ist den Zweifeln an der Stichhaltigkeit der Befunde und der vagen Diskussion der Bedeutung zu folgen. Mit dem Psychiater ist zugespitzt die Frage zu stellen, ob die präfrontale weiße Substanz „das Gewebe der Lügen“ sei.

Nicht zu folgen ist dem Kritiker in seinen Weiterungen, die forensische Psychiatrie könnte ein Interesse an den Ergebnissen haben. Zumindest in Deutschland scheint keinerlei Interesse daran zu bestehen, den alten Streit der Schulen über das Somatopostulat wieder zu beleben [4, 5]. Vielmehr ist in der von Psychologen durchgeführten Untersuchung die Gefahr zu sehen, vor der nicht nachhaltig genug gewarnt werden muss: die Neorenaissance der Phrenologie nach Gall mit den Methoden der modernen Bildgebung.

Literatur

  1. Hare RD. The Hare Psychopathy checklist – revised ((PLC-R). Toronto: Multi-Health-Systems, 1991.
  2. American Psychiatric Association. Diagnostic and statistic manual of mental disorders (4th edn., DSM-IV). Washington, DC: APA, 1994.
  3. Spence SA. Prefrontal white matter-the tissue of lies? Invited commentary. Br J Psychiatry 2005,187:326–7.
  4. Kröber HL. Forensische Psychiatrie. Nervenarzt 2005;76:1376–81.
  5. Schöch H. Zum Verhältnis von Psychiatrie und Strafrecht aus juristischer Sicht. Nervenarzt 2005;76:1382–8.

(eingesandt 12.12.2005)

F. Hentschel, Mannheim


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