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Editorial
On the Occasion of the 40th Annual Meeting of the German Society of NeuroradiologyMartin Schumacher Liebe Kolleginnen und Kollegen, es wurde mir die Freude aufgetragen, Sie zu unserer diesjährigen Jahrestagung in Dresden zu begrüßen und die Jahrestagung zu eröffnen. Nicht regelmäßig eröffnet der Präsident unserer Gesellschaft die Tagung; es ist daher von einer besonderen Situation auszugehen, die – wie so oft – etwas mit dem Alter zu tun hat. 40-Jährigen billigt man eine gewisse Reife zu; der 100-Jährige verkörpert eine geradezu bedrückende Reife. Die Wahrheit der Neuroradiologie liegt dazwischen. Sie ist nicht wirklich 100 Jahre alt, wenn auch ihre Wurzeln durchaus früh auszumachen sind: Vor 100 Jahren initiierte Schüller mit seiner Publikation „The skull base on the radiogram“ und kurz danach Fürnrohr mit „X-rays in the service of neurology“ die Anfänge des Fachs und nannte das Kind auch gleich richtig „Neuro-Roentgenology“, was von seinem heutigen Namen nicht weit entfernt ist. Der „Knabe Neuroradiologie“ war 65, als er seine Familie, die „Deutsche Gesellschaft für Neuroradiologie“, gründete. Im gestandenen Alter von 82 Jahren wurde er großjährig – sprich – er wurde als Schwerpunkt anerkannt. In den 18 Jahren seither hat er sich weiter prächtig entwickelt, und seine Familie hat ihn dabei gefördert und in der Abwendung vieler Bedrängnisse stets gestützt. Für die, die den älter gewordenen Knaben nicht so gut kennengelernt haben, ihn vielleicht nie ganz verstanden haben, es nicht für wert befinden, näher auf ihn einzugehen oder gar ihm zugeneigt zu sein, möchte ich ihn ein wenig näher beschreiben. Lassen Sie mich darstellen, was er ist, was ihn bewegt, was ihm zusetzt und was er hofft. Aber nennen wir ihn ab jetzt die Neuroradiologie. Was ist die Neuroradiologie heute? Wie ihre geschichtliche Entwicklung aufzeigt, ist die Neuroradiologie schon immer eine Organspezialität mit entsprechender Methoden- und besonders Organkompetenz, die in der diagnostischen und therapeutischen Radiologie von Anbeginn einen Sonderstatus hatte und hat. Abgesehen von den qualitativen Leistungssteigerungen ist sie ein Bereich der Medizin mit enormem Wachstum. Eine US-Entwicklungsanalyse von 2001 verzeichnete über die Jahre 1993 bis 1999 eine Steigerung der neuroradiologischen Gesamtleistungen um 46%. Dem entspricht der hohe Anteil an neuroradiologischer Diagnostik von über 40% auch in deutschen radiologischen Praxen, dem allerdings eine krasse Unterversorgung durch derzeit 2 Neuroradiologen bei 80 Allgemeinradiologen pro 1 Mio. Einwohner gegenübersteht. Daraus leitet sich ein Bedarf von rund 60 Neuroradiologen pro Jahr ab, die überwiegend ihr Betätigungsfeld zur – ich betone – qualifizierten, flächendeckenden neuroradiologischen Versorgung in Gemeinschaftspraxen finden. So sieht es auch die Prognose prominenter Unternehmensberatungen wie etwa Ernst and Young, die in etwa 15 Jahren nur noch Großpraxen eine Überlebenschance einräumen und Einzelpraxen ein Nischendasein voraussagen. Der Anteil radiologischer Gemeinschaftspraxen von 76% im Jahr 2004 bestätigt bereits jetzt diese Entwicklung. Auch dafür finden sich Belege aus einer Studie des American College of Radiology von 2000, die eine jährliche Abnahme der Allgemeinradiologen und Zunahme der „Subspecialists“ um 1,4% ermitteln. Der Wandel vom radiologischen Generalisten zum organbezogenen Spezialisten ist unübersehbar und unaufhaltbar. Auch Europa reagiert inzwischen: Bereits 1997 empfahl die Europäische Kommission für ärztliche Ausbildung, den Facharzt für Neuroradiologie zu etablieren. Elias Zerhouni, Radiologe und Direktor der National Institutes of Health (NIH), beschrieb das Problem des radiologischen Generalisten sehr klar: „No individual radiologist can cover the entire field of radiology on a high level of competence. Radiology is today where internal medicine and surgery were maybe some 20 years ago.“ Fragen wir uns, wie die Innere Medizin dieses Problem gelöst hat, erhalten wir eine ebenso klare Antwort: durch Gründung neuer Fachbereiche, wie Kardiologie, Nephrologie, Pulmologie, Rheumatologie usw. Eine identische Lösung fand auch die Chirurgie mit der Bildung von Spezialitäten wie Thorax- und Herzchirurgie, Abdominalchirurgie, plastische Chirurgie, Unfallchirurgie usw. Während also große Fächer ihre Kompetenz auch bei gestiegenen Forderungen in Krankenversorgung und Forschung sichern, indem sie diverse Fachbereiche schaffen, verharrt die Radiologie als eine große Einheit, selbst auf die Gefahr hin, dass die Kliniker unsere Expertise angesichts der eigenen gar nicht mehr benötigen. Die freie Verfügbarkeit von Bildmaterial an jedem Ort zu jeder Zeit durch moderne PACS-RIS-Systeme verstärkt diese Entwicklung des Klinikers zum eigenen Bildexperten weiter. Die Abwanderung radiologischer Teilbereiche in die klinischen Fächer veranschaulicht dies; um nur einige zu nennen: orthopädische Radiologie, Ultraschall und durch Ultraschall gesteuerte Eingriffe, kardiologische Diagnostik und Interventionen. Können wir es uns angesichts dieser Entwicklung erlauben, zu bremsen oder gar zurückzurudern, wie derzeit in Deutschland zu beobachten, seien es die „großen“ Lösungen, neuroradiologische Abteilungen zu vereinnahmen oder die Neuroradiologie in Augenhöhe mit der Mammographie, Skelett- oder Thoraxdiagnostik anzusiedeln, da dies – Zynismus pur – ja schließlich Organe sind und die Neuroradiologie sich doch als Organradiologie definiert. Wir alle haben keine Patentrezepte, wie den Entwicklungen im Gesundheitssektor generell und den steigenden Anforderungen im Einzelnen zu begegnen ist. Die Neuroradiologie hat jedoch allen Grund, sich auf ihre hohe Qualität in Diagnostik und Therapie, ihre Vorreiterrolle in der Radiologie und ihr großes Innovationspotential zu besinnen und sich der Anspruchslosigkeit eines radiologischen Generalismus zu widersetzen. Worauf also darf und sollte die Neuroradiologie hoffen? Hier lassen sich zwei Szenarien aufzeichnen: die Entwicklung der Neuroradiologie innerhalb der Radiologie oder innerhalb der Neurofächer in einem Gesamtgebiet „Neuromedizin“. Für beide gilt, dass wir uns eine Doppelausbildung nicht leisten können, sondern lediglich Grundlagen der jeweiligen Partnerfächer benötigen, zielgerichtet auf Kenntnisse und Tätigkeit als Organspezialist. In der Radiologie existieren allerdings seit Jahrzehnten erhebliche Widerstände gegen eine Entwicklung der Neuroradiologie, die den Namen Wachstum verdient, indem sogar an großen Kliniken selbständige neuroradiologische Abteilungen nach Kräften vereitelt werden, obwohl die Radiologie nicht einmal eine eigene Überlebensstrategie für ihr großes Fach gefunden hat. Demgegenüber hat die inhaltliche Verflechtung der Neuroradiologie mit den Neurofächern inzwischen eine große gemeinsame Schnittmenge entstehen lassen, die das Zusammengehen der Fächer auch in der Weiterbildung in einem großen Fach „Neuromedizin“ sinnvoll macht. Die Bereitschaft dazu und die Unterstützung durch die Neurofächer hebt sich positiv von der Verhinderungspolitik der radiologischen Entscheidungsträger ab. Es ist zu hoffen, dass mit einer Neuromedizin die Durchlässigkeit zwischen den Disziplinen ausgebaut und die Rekrutierung von Ärzten aus den Neurofächern gefördert wird. Und schließlich ist zu hoffen, dass Strukturen für ein kooperatives Nebeneinander verschiedenster Organspezialisten geschaffen werden, die die Berufsaussichten attraktiver gestalten und so der Abwanderung von Ärzten aus der Medizin entgegenwirken. Nach dieser kurzen Skizzierung, wo die Neuroradiologie heute steht und wohin die Entwicklung gehen kann, möchte ich abschließend Erich Kästner, einen großen Sohn unserer diesjährigen Kongressstadt Dresden, für diejenigen zitieren, die daran zweifeln, dass wir die Dinge bewegen müssen: „Ihr wollt die Uhrzeiger rückwärts drehen |
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