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Laudatio
Persönliche Reminiszenzen zum 60. Geburtstag von Professor Martin SchumacherNatürlich existiert die Neuroradiologie ohne Grenzen bereits seit langem, doch die, von der ich berichten will, beginnt im Oktober 1984, als sich zwei frisch gebackene Abteilungsleiter für Neuroradiologie zufällig auf der Jahrestagung der DGNR in Stuttgart kennen lernen. Beide haben neue, eigene Wege in der Neuroradiologie beschritten. Beide sind von Haus aus Neurologen. Der eine in Freiburg hat eine ausgezeichnete neuroradiologische Ausbildung, der andere in Basel eine Ausbildung in der Computertomographie und in der zerebralen Angiographie. Der eine übernimmt ganz bewusst ein neues neuroradiologisches Amt, der andere beschreitet diesen Weg eher zögerlich.Es sind wohl die gemeinsamen Wurzeln, die sie zusammenführen, und vor allen Dingen die Begeisterung für die unbekannten neuroradiologischen Interventionen, die sie schließlich auch gemeinsame – die Grenzen zwischen Deutschland und der Schweiz überwindende – Ziele formulieren lassen. Die interventionelle Neuroradiologie steckt zu dieser Zeit in den Kinderschuhen. Das Kathethermaterial ist grob – F5 ist Luxus, F2 kaum denkbar. Embolisationen von Meningeomen und vaskularisierten Prozessen der A.C.E. sind Hauptarbeitsrichtungen. Im Gesichtsbereich sind die Katheter noch zu wenig flexibel und provozieren Spasmen. Führungsdrähte sind – wenn auch gut sichtbar durch Metallgeflechte – meist starr und hart und somit schlecht zu manipulieren. Die Angiographie ist ein Eckpfeiler der neuroradiolo-gischen Diagnostik: Genaue Kenntnisse des Verlaufes zerebraler Arterien und Venen sind Voraussetzung für eine genaue und histologische Diagnose. Als neueste Errungenschaft ermöglicht die Computertomographie eine Feinschichtung des Innenohrs. Die Abteilung in Freiburg wächst rascher als in Basel. Neue Materialien, z.T. sehr feine und weiche Mikrokatheter, werden eingeführt, die zur Embolisation von arteriovenösen Missbildungen geeignet sind und die durch den Fluss in die Missbildung hineingetragen werden. Feine, wenig standardisierte Partikel und flüssiges Okklusionsmaterial werden angeboten – geheimnisvoll bleibt oft die Mischung, die die Missbildung optimal verschließt. Ein 1986 eingerichtetes Tierlabor hilft, neue Materialien wissenschaftlich zu testen. Weder begeisternde Erfolge noch dann und wann ernüchternde Ergebnisse können die Ziele von Martin Schumacher beeinflussen. Ein kritisches Bewusstsein, getragen von einem gewissen Sendungsauftrag, ist seine auszeichnende Charak-tereigenschaft. Fähige, aufgeschlossene und innovative Mitarbeiter folgen ihm, werden substanziell gefördert und manchmal auch schmerzlich verloren. So wird die Zentrumsfunktion der Abteilung mit größtem Engagement gegen viele äußere und innere Schwierigkeiten kontinuierlich aufgebaut. Alles erfahrene Wissen und Engagement wird grenzüberschreitend und ohne Grenzen weitergetragen. Martin Schumacher bietet Hilfe an und bringt sie ohne Vorbehalte ein. Seine unerschöpflich anmutende körperliche Energie lässt staunen, sein Einsatz ist vorbildhaft und zeigt neue Wege. Das stetige Voranschreiten der Technik zu neuen Behandlungsmöglichkeiten (distal gelegene arteriove-nöse Missbildungen, durale Fisteln) führt auch manchmal zu Rückschlägen und Komplikationen. Die Ballons müssen noch selbst montiert werden und bergen somit die Gefahr einer schlechten Ablösung oder eines Leak-age. Die einsatzfähigen Coils zeigen zwar eine Vorformierung, sind jedoch noch nicht mit einem Führungsdraht verbunden und können sich leicht dislozieren. Die Indikationen zu den immer differenzierter werdenden Einsätzen werden zum Teil gemeinsam diskutiert und zurückhaltend und bedacht gestellt. Komplikationen, die getragen und ertragen werden müssen, werden häufig zu Meilensteinen der Gemeinschaft und verbinden manchmal mehr als die Erfolge. Martin Schumacher zeigt hier Einfühlungs-, aber auch Durchhaltevermögen und große Willenskraft, die Zweifelnde mit sich reißt. 1991 bekommt die Kooperation einen weiteren Aufschwung, als die neue Generation von Kathetern und ablösbaren Coils (GDC) eingeführt wird. Während eines gemeinsamen Aufenthalts bei Fernandez Vinuela in Los Angeles wird das Material an Tieren eigenständig erprobt und dem Meister bei der klinischen Ap- plikation genauestens zugeschaut. Nicht nur die Coils haben hier ihren unendlichen Reiz, sondern auch der wunderbare Pazifikstrand und der kleine gemietete Firebird, der Europäern erst das „richtige Amerikagefühl“ vermittelt. Da in der Schweiz die neuen Coils ohne gesetzliche Einschränkungen und Bedingungen eingeführt werden können, hat das Regioteam die Möglichkeit, die ersten Coils in Europa therapeutisch anzuwenden. Dazu werden zunächst Patienten von Freiburg nach Basel verlegt, später die Coils über die Grenze nach Freiburg gebracht. Im Herbst 1992, zum Jahreskongress der Schweizerischen Gesellschaft für Neuroradiologie, können wir beide gemeinsam das erste Meeting zum Erfahrungsaustausch der neuen Materialien in Basel veranstalten. Alle damals mit GD-Coils tätigen Neuroradiologen folgen der Einladung. Es kommt zu einem regen – wiederum grenzüberschreitenden – Gedankenaustausch, da nahezu alle führenden Neuroradiologen aus Europa vereint sind. So faszinierend das neue Material auch ist, so gibt es doch Schwierigkeiten und auch seltene Komplikationen. Die Tracker-Katheter knicken bei stark elongierten Gefäßen gerne ab, deshalb können die Coils manchmal nicht platziert werden oder spulen sich beim Zurückziehen ab. Bedachtsamkeit und manchmal Nervenstärke sind in solchen Augenblicken unbedingt nötig; Martin Schumacher demonstriert sie vorbildlich. Er öffnet die Grenzen nicht nur nach Süden, sondern auch nach Westen: Hospitierungen und Kooperationen mit Luc Picard, Professor für Neuroradiologie in Nancy, lassen Erfahrungen wachsen und fördern die überregionale Freundschaft. Aus dieser Motivation heraus werden gemeinsame Fortbildungsveranstaltungen geplant und nicht selten bei Markgräfler Wein neue Ideen entwickelt. So hat Martin Schumacher selbst ein interdisziplinäres Symposium Neuroradiologie ins Leben gerufen, auf dem alljährlich Kliniker und Neuroradiologen ihre Spezialkenntnisse austauschen und sich gegenseitig über neueste Entwicklungen informieren. In den letzten Jahren galt sein Interesse den intra-arteriellen Stents, an deren Wichtigkeit und therapeu-tische Möglichkeiten er glaubte und mit denen er im Labor viel experimentierte. Eine Menge Ideen wurden von seinen Mitarbeitern aufgenommen und weiterentwickelt. Das Engagement, das vor mehr als 10 Jahren begann, trägt heute Früchte. Stents werden zur Dilata-tion von Carotis-interna-Stenosen gebraucht, zur Abdichtung der Basen von Aneurysmata und auch zur Behandlung von intrakraniellen Stenosen. Bei vielen dieser Entwicklungen war Martin Schumacher und sein Labor mit Erfahrung und Experimenten führend. So wie Martin Schumacher die kleine Grenze zur Schweiz überwand, so hat er sich auch für Europa ge-öffnet. Neben seinem Einsatz in der Deutschen Ge- sellschaft für Neuroradiologie war er mehrere Jahre Präsident der nationalen Delegierten der Europäischen Gesellschaft für Neuroradiologie und maßgeblich daran beteiligt, dass den Delegierten eine vermehrte Verantwortung in der ESNR übertragen wurde. Auch unterstützte er substantiell den Präsidenten der ESNR, Olof Flodmark, bei der Einrichtung des Europäischen Boards für Neuroradiologie. Er öffnete seine Abteilung und sein Labor Kollegen aus der ganzen Welt, vorwiegend aus Japan, China und Korea, und förderte ihre technische und theoretische Ausbildung. Grundsätzlich hat er die weltweite Eigenständigkeit der Neuroradiologie auf seine Fahnen geschrieben, und in Kenntnis seiner großen Führungseigenschaften und der enormen Zielstrebigkeit und des Durchsetzungsvermögens bestehen kaum Zweifel daran, dass er die Neuroradiologie auf dem Weg zur Eigenständigkeit ein gutes Stück voranbringen wird. In den 20 Jahren dieser intensiven interventio- nellen und neuroradiologischen Zusammenarbeit zwischen Basel und Freiburg hat sich eine enge persönli-che Freundschaft entwickelt, die weder offizielle noch „grüne“ Grenzen kennt. Nur derjenige, der Grenzen überwindet, kann erfolgreich sein, und Martin Schumacher ist der Mann, der es verstand und versteht, geographische wie neuroradiologische Grenzen zu überwinden. Basel im Juni 2004 E.-W. Radü |
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